Home > Blog > Auf auf und davon…

aufunddavon

Auf auf und davon…

Da war er endlich, der Tag der Abreise. Noch schnell das Auto gepackt und schon konnte es los gehen. Die Thermoskanne gefüllt und es hieß nur noch: „Auf auf und davon… Nächster Halt, Bivvy-Hausen!“
Unterwegs gingen mir die Gedanken über die bevorstehende alleinige Nacht durch den Kopf. Schlag ich das Bivvy auf oder wähle ich die „harte Tour“ mit Schlafsack und Liege unter freiem Himmel. Wenn sich schon jemand oder etwas in meiner Nähe rumtreibt, dann möchte ich es auch sehen. Diese Gedanken begleiteten mich einige Zeit, bis sie plötzlich von einer aufkommenden Angst vertrieben wurden. Die Angst, der Platz könnte belegt sein und alle Ideen und Vorbereitungen könnten somit gleich zu Nichte sein. Der erste Impuls nachdem mir das bewusst wurde, war, dass ich meinen rechten Fuss Richtung Boden drücke und somit alles aus meinem T4 rausholte. „Wow, laut Navi hole ich mit diesem Fahrstil 10 Minuten raus“. 10 Minuten, die über Freud und Leid entscheiden könnten. Die Kilometeranzeige ging stets runter; noch 30 Minuten. Und weiter draufhalten. 15 Minuten. 10 Minuten.

Wie ich es hasse in solchen Momenten dem Schicksal ausgeliefert zu sein. Fünf Minuten. Nun war ich endlich im Ort angekommen. Jetzt noch schnell die Karten kaufen und ich konnte ans Wasser. Gesagt, getan. Binnen drei Minuten schaffte ich es, auf deutsch wohlgemerkt, der netten französischen Verkäuferin meine Wünsche klar zu machen, um dann endlich ans Wasser zu kommen. Die letzen Meter – symbolisch geht es über Bahngleise raus aus der Zivilisation rein in die Natur. Vor mir liegen ab jetzt nur noch die Felder. An denen vorbei ging es einen kleinen Hügel hoch und ich war da. Mein Herz tanzte in meiner Brust. Was ist mit unserem Platz? Langsam fuhr ich die letzen Meter bis an die Stelle, von der aus ich den angepeilten Platz sehen konnte. Der See lag vor mir glatt wie ein Spiegel und zeigte sich in vollem Glanz. Glücksgefühle machten sich breit und es wurde mir ganz warm ums Herz. Dieses unglaubliche Gefühl lockte mir ein „juhuuu“ aus der Kehle. Der Platz war frei! Und nicht nur das, außer ein paar Schwänen und Enten war der See komplett „leer“. Ist das zu glauben? Ich habe den See für mich alleine! So parkte ich mein Auto und musste mich nochmals neu sortieren. Da die Uhr noch keine acht zeigte, entschied ich mich erst mal das Ufer abzugehen. Vielleicht fällt mir ja etwas interessantes ins Auge. Mit dem Fernglas bewaffnet ging ich also los.

Zurück vom Rundgang schnappte ich mir mein Futterboot um markante Stellen ausfindig zu machen. Die Wassertemperatur lag bei 10 Grad. Ich entschied mich für eine steil abfallende Kante und einen Bereich, den die Karpfen sicherlich durchschwimmen mussten, wenn sie in Ufernähe ihre Bahnen zogen. Diese Stellen markierte ich per GPS und begann mit dem anlegen der Futterplätze. Mein Ziel war es, möglichst viele Fische über eine große Fläche auf mein Futter aufmerksam zu machen. Deswegen fütterte ich am ersten Tag die größte Menge weitflächig. Circa vier Kilo Partikel mit drei Kilo Boilies flogen ins Wasser. Den ufernahen Spot „bombardierte“ ich mit der Spod-Rute, den Platz um die Kante fuhr ich weiter mit dem Futterboot an. Anschließend legte ich meine Montagen etwas abseits bzw. am Rand der Futterplätze ab. Ab dem zweiten Tag wollte ich die Futtermenge reduzieren und die Montagen direkt auf den Futterplätzen platzieren um aufgrund des verringerten Futterangebots die Attraktivität der Hakenköder zu erhöhen – so meine Gedanken. Des Weiteren legte ich einige Boilies in Seewasser ein. Hiermit habe ich gute Erfahrungen gesammelt. Habe ich einen im Seewasser (wichtig wegen des PH-Werts) ausgewaschenen Boilie am Haar, so wirkt dieser womöglich für den Karpfen vertrauter, was die Bissrate bei stark befischten Karpfen erhöhen kann. Ebenfalls verteile ich meist eine handvoll dieser Boilies gezielt um die Hakenköder.

Beim auslegen der Ruten ist es mir immer wichtig, dass ich meine Ruten so platziere, dass mein Freund die gleichen Voraussetzungen hat und ebenfalls die Futterplätze gleichermaßen beangeln kann. Teamwork wird bei uns schließlich groß geschrieben! Zwei meiner Ruten fuhr ich aus. Zwei weitere versenkte ich vom Ufer aus. In die Kammern des Futterbootes legte ich neben den Montagen je vier halbierte Boielies und vier der Ausgewaschenen. Halbierte Boilies haben den Vorteil, dass sie sich aufgrund ihrer Form nach dem öffnen der Luken im Wasser großflächiger verteilen. Die ufernahen Ruten bestückte ich mit PVA- Säckchen. In diesen waren jeweils zerschnittene Boilies, die sich im Wasser um den Hakenköder verteilen. Drei Stunden nach Ankunft war ich dann soweit. Alle Ruten waren platziert und die Bissanzeiger scharf. Jetzt kam der langersehnte Moment bei dem man die Seele baumeln lassen kann, sich beruhigt in seinen Stuhl zurücklehnt und die Natur bewusst genießt. Abwarten oder besser Abschalten und Tee trinken heißt die Devise. Ich versüße mir dieses Abschalten gerne, indem ich bei einer Tasse Tee neue Vorfächer binde. Bei dieser Tour habe ich mich für zwei Vorfächer entschieden. Ich bin kein Freund von 100 verschiedenen Rigs und dem nötigen Material. Meine Rigs unterscheiden sich im großen und ganzen darin, ob ich mit Hindernissen Unterwasser zu rechnen habe oder nicht. Ein sehr zuverlässiges Rig ist für mich das Stiff-Rig. Wenn ich eine Montage im Wasser habe und damit einen Karpfen überlisten möchte, dann brauche ich absolutes Vertrauen in die Präsentation. Ich muss mir sicher sein, dass das Rig nicht verdreht ist und der Hakenköder frei am Boden liegt. Wer weiß, ob es wieder eine Chance gibt, einen Fisch zu landen, wenn die Falle erstmal erkannt wurde. Deswegen ist das Stiff-Rig meine erste Wahl. Das Rig binde ich mit der Fluocarbonschnur IQ2 von Korda in 20lbs. Die Länge des Vorfachs beträgt 18cm. Mittig beschwere ich das Rig noch mit einem Blei („Sinker“), damit das Vorfach sicher auf dem Boden liegt und nicht absteht. Der schlammige Boden des Sees bot genug Härte, sodass es kein Einsinken des Hakenköders gab. Mit auf das Haar zog ich neben dem Boilie noch einen halben weißen Pop Up, um das Einsaugen des Köders zu erleichtern. Ebenfalls machte ich mir die Lockwirkung der Farbe zu Nutze. Das extra gebundene flexible Haar wird mit einem Stück Gummischlauch auf dem Haken fixiert, sodass noch ca. 1,5cm absteht und sich frei bewegen kann. Als Haken nutze ich bei diesem Stiff-Rig grundsätzlich Haken mit gebogenem Schenkel. Den Hakeffekt verstärke ich mit einem Stückchen Schrumpfschlauch über dem Nadelöhr, welches ich zu einer Verlängerung des Hakenschenkels schrumpfen lasse. Dadurch ist das Rig noch „aggressiver“ und lässt sich kaum noch nach dem Aufsaugen aus dem Maul des Karpfens ausblasen.

Eine weitere Rute bestücke ich mit einem Chod-Rig, um somit einen „Poppi“ in einen Krautfeld präsentieren zu können. Für dieses Rig verwende ich einen Choddy Haken, welcher mit Mouth Trap verbunden wurde. Angebunden ist dieses Rig an einer 0,12mm dicken geflochtenen Hauptschnur, die mir das fischen direkt vor großen Hindernissen oder in Krautfeldern ermöglicht.
Die Stiff-Rigs fische ich an einem Leadcore mit Safety-Clip, welches an einer 0,33mm Korda Adrenaline verknüpft ist. Da ich an den meisten Plätzen mit keinen großen Hindernissen wie Baumstämmen rechnen muss, sondern lediglich mit Krautfeldern, kann ich somit auf die Dehnung der monofilen Hauptschnur zurückgreifen und sehe von einer extra Schlagschnur ab.

Stefan besuchte mich mit seiner Tochter und lud sein Tackle für das Wochenende ab. Eine Stunde verbrachten wir, ehe ein lautes Geschrei unser Fachgespräch unterbrach. Ich konnte diese Stimme nicht schnell genug zuordnen, da schrie Stefan schon lauthals zu mir rüber: „Deine Rute geht, komm bei!“ Und so war es wirklich. Der Bissanzeiger schrie sich die Kehle aus dem Leib und die Rolle sauste nur so ab. „Vollrun“ dachte ich, „geil!“, um im selben Moment die Rute anzuheben. Ein leichtes Drehen der Kurbel und schon nahm ich mit dem Fisch Kontakt auf. Völlig aufgebracht spürte ich, wie mir das Adrenalin durch die Glieder fuhr. „Den Kescher Stefan, ich brauche den Kescher!“ sagte ich, während der sich erstmal völlig ruhig eine kleine Zigarre anzündete. Er beruhigte mich, schließlich hatte ich noch mindestens 90 Meter zu kurbeln, weswegen ich mich nun erstmal ganz auf den Drill konzentrieren konnte. Der Fisch versuchte in mehrere Richtungen abzuhauen und erkämpfte sich Schnur zurück. Es war mir wichtig, nicht zu viel Druck auszuüben, da die Mäuler der Fische eher weich sind und ich weder ein Ausschlitzen des Fischs noch Verletzungen riskieren wollte. Ich hielt den Kontakt zum Fisch stets aufrecht und konnte nach einer Weile den Druck langsam erhöhen. Die Rute zeigte eine tolle Aktion und ließ mich jede Bewegung des Fisches spüren. Nach kurzer Zeit hatte ich auch die letzten Zweifel ins Material verloren und konnte den Fisch genüsslich weiter drillen. Nach einer Weile kam dann der ersehnte Moment des „ersten Blickkontakts“. Der Fisch war in Ufernähe und sein Maul erhob sich das erste mal aus dem Wasser. Ein Moment, der seines Gleichen sucht. Ein paar Wicklungen später kam Stefan zum Einsatz und kescherte den Fisch sicher. Auf der Abhakmatte gelandet, gönnte ich dem Fisch und mir erstmal eine Auszeit. Einen lauten Schrei konnte ich mir gerade noch verkneifen. Eine Umarmung musste natürlich sein! Da liegt er, der erste Karpfen für das Jahr 2012. Und das nachdem die Ruten gerade mal 2 Stunden im Wasser waren. „Herrlich“, dachte ich und öffnete die Abdeckung der Abhakmatte. Vor mir lag ein wunderschöner Spiegler. Sein Angesicht bedarf keiner Worte und so kam es, das in diesem Moment nichts außer Stille vorherrschte. Majestätisch schimmerte sein goldenes Kleid vor mir und riss mich weiter in seinen Bann. Ein kräftiger Schlag der Schwanzflosse brachte mich zurück in die Realität und signalisierte mir, dass es Zeit für ein Foto wird. Schließlich möchte der Bursche zurück in sein Element. Und so kam es dann auch, schnell ein paar Bilder geschossen und schon heißt es „Auf Wiedersehen!“. Natürlich wird vorher noch das Maul und das Schuppenkleid begutachtet und gegebenenfalls versorgt. Im Wasser angelangt, reichten dem Fisch zwei weitere Schläge mit der Flosse, um zurück in sein dunkles Reich zu flüchten.

Nun galt meine Konzentration dem Erneuern der Montage und dem Ausfahren dieser. Schnellst möglich wurde die Hakenschärfe kontrolliert und das Haar neu bestückt. Noch die Luken gefüllt und es heißt wieder „Leinen los“! Ich gönnte mir eine Kaffeepause und heizte den Kocher ein. Keine 10 Minuten vergingen und ein Bissanzeiger übertönte die Stille des Sees. Vollrun! Es war erneut die Rute, die schon den ersten Treffer brachte. Schnell nahm ich Kontakt zum Fisch auf. Auch dieser Fisch war sehr aktiv und zeigte großen Widerstand und Kraft und das für diese Jahreszeit. Ich erhöhte den Druck und drillte den Fisch in Ufernähe. Noch die letzten Meter und der zweite Fisch landet sicher im Kescher. Doch diese Meter hatten es in sich. Der Fisch mobilisierte nochmals alle Kräfte und gab vor dem Kescher nochmals richtig Gas. Diesem Aufbäumen wirkte ich gelassen entgegen, ließ ihm etwas Schnur zum Austoben. Als er nachließ, verkürzte ich den Abstand erneut und landete den Fisch sicher im Netz. „Unglaublich“ dachte ich, zwei Treffer in kürzester Zeit. Doch so sollte es nicht bleiben. Gerade konnte ich den seitlich sitzenden Haken lösen, als wieder ein Bissanzeiger die Ruhe des Sees störte. Ich deckte den Fisch schnell ab und hob die nächste Rute auf. In diesem Moment konnte ich keinen klaren Gedanken fassen. Ich spürte erneut eine enorme Kraft am Ende der Schnur. Das Problem war, dass ein wunderschöner Spiegler bereits gelandet noch immer im Kescher auf der Abhakmatte „pausierte“ und der nächste Fisch schon im Anmarsch war. Des Weiteren biss dieser Fisch auf einer der ufernahen Ruten und somit hatte ich gerade mal 20 Meter bis zum „Ziel“ zu überbrücken und das, ohne bis jetzt aufgebauten Kescher. Mir blieb als nichts anderen übrig, als dem Fisch Schnur zu geben und mir dadurch Zeit, den Kescher herzurichten. Ich hörte die Rolle im Hintergrund sausen, während ich einen 13 Kilo Spiegler umbettete und den Kescher aufbaute. Nun konnte ich mich wieder der Rute widmen, um einen weiteren 12 Kilo Spiegler zu landen. Beide verbrachten dann ihre Auszeit gemeinsam auf der Matte.

Ich deckte die Beiden zu und musste erstmal tief Luft holen. Kaum zu glauben, was gerade passiert war und das an einem noch so jungen Tag. Ich machte mich an die Matte und löste ehrfürchtig die Verschlüsse der Abdeckung. Da lagen sie, zwei Traumfische in Gold. Erneut zog mich das Schimmern des Schuppenkleids in seinen Bann, ähnlich es einst die Sirenen mit ihrem Gesang versuchten. Ich begutachtete die Fische bis auf die kleinste Schuppe und versuchte diesen Anblick bildlich festzuhalten. Beide Fische entließ ich zurück in die Heimat. Wenige Sekunden beobachtete ich sie in ihrem vertrauten Umfeld bevor sie im Schleier der Dunkelheit verschwanden. Nachdem meine Beine wieder funktionstüchtig waren, machte ich mich zu meinem Handy und rief Stefan an. „Erzähl keinen Sch…!“ war seine erste Reaktion. Doch ich konnte ihn schnell überzeugen. Leider war er schon zu weit weg und hatte auch allen zeitlichen Puffer aufgebraucht, um nochmals ans Wasser zu kommen.
Ich setzte mich zurück in meinen Stuhl und bestückte die Ruten neu. Eine wurde wieder ausgefahren und die Andere ausgeworfen. Noch immer spürte ich das Adrenalin in meinen Körper, welches meine Hände zum zittern zwang. Fassungslos bestaunte ich die Aufnahmen auf meiner Kamera. Leider konnte ich bedingt durch eine fehlende Selbstauslöser-Funktion keine Fotos mit mir und beiden Fischen verewigen.

Ich war zufrieden. Die gewählte Taktik und das Futter schienen zu greifen und das nach so kurzer Zeit. Die Montagen überzeugten mich erneut von ihrer Funktion und die Ruten zeigten eine klasse Aktion. Es war bis dahin ein perfekter Trip, lediglich mein Kollege fehlte mir, um das Erlebte zu teilen. Aber vor mir standen ja noch einige Tage. Nun galt es, die Bedingungen aufrecht zu halten und nicht zuviel zu füttern. Deswegen wollte ich nach dem nächsten Biss die Futterration beim Ausfahren der Montage etwas verringern, um nicht zuviel Futter anzubieten. Die nächste Stunden verbrachte ich in völliger Ruhe. Gegen Abend hieß es dann, die Montagen „bettfertig“ zu machen und der ersten Nacht entgegen zu fiebern.

Andreas Birk

Datum
11. November 2012
Facebook
Bookmark